«Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.» Joh. 6,68






























 

Dienstag der Karwoche
Kommentar zum heutigen Evangelium
Hl. Leo der Große (?-um 461), Papst und Kirchenlehrer
SĂ€mtliche Sermonen, LVIII, 7. Predigt ĂŒber das Leiden des Herrn, 3–4 (vgl. Bibliothek der KirchenvĂ€ter, MĂŒnchen 1927)

„Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht“

Mit den Worten: „Wahrlich, ich sage euch, einer von euch wird mich verraten“ (vgl. Mt 26,21), bewies also der Herr, dass er um die böse Absicht seines VerrĂ€ters wusste. Nicht durch harten und offenen Tadel bringt er den gottvergessenen JĂŒnger in Verwirrung, nein, mit sanftem und stillem Mahnen naht er sich ihm, um den umso leichter durch Reue zu bessern, dem die Schmach einer Ausstoßung erspart geblieben war.

Warum machst du dir, unseliger Judas, eine solche GĂŒte nicht zunutze? Siehe, in schonender Weise spricht der Herr von deinem Vorhaben, und Christus verrĂ€t dich keinem, außer dir selbst! Weder dein Name noch deine Person wird bloßgestellt. Nur auf deine geheimen Gedanken spielt er mit wahrheitsgetreuen und mitleidigen Worten an. Weder die Ehre des apostolischen Ranges noch die Teilnahme an den Sakramenten wird dir versagt. Kehre wieder auf den rechten Weg zurĂŒck, lass ab von deinem wahnsinnigen Beginnen und besinne dich auf dich selbst! Gottes Milde ladet dich dazu ein, dein Retter klopft an dein Herz, und er, der das Leben selbst ist (vgl. Joh 14,6), ruft dich zum Leben zurĂŒck. Siehe, die anderen JĂŒnger, die rein und schuldlos sind, erschrecken bei der Andeutung dieser Missetat und fĂŒrchten insgesamt fĂŒr sich selbst, da sie nicht den Namen des Frevlers hören! Sie sind traurig geworden (vgl. Mt 26,22), nicht etwa weil sie sich schuldig fĂŒhlen, sondern weil sie wissen, wie unbestĂ€ndig und wankelmĂŒtig der Mensch ist. Sie sind in Sorge, es möchte ihre Kenntnis des eigenen Ichs weniger zuverlĂ€ssig sein als das, was die Wahrheit selbst vorhersah. Sie, die sich keiner Schuld bewusst sind, zittern, und du missbrauchst die Langmut des Herrn und hĂ€ltst dich, dreist wie du bist, fĂŒr unentdeckt. [
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Da sprach der Herr, als er sah, auf welche Untat des Judas Sinnen und Trachten gerichtet war: „Was du tun willst, tue bald!“ (vgl. Joh 13,27). In diesem Wort liegt kein Befehl, sondern eine stille Erlaubnis. Es offenbart sich darin nicht Furcht, sondern Bereitschaft. Damit bekundete vielmehr jener, der ĂŒber alle Zeit gebietet, dass er seinem VerrĂ€ter freie Hand lĂ€sst und er in der Weise dem Willen seines Vaters, die Welt zu erlösen, nachkommt, ohne das von seinen Gegnern geplanten Verbrechen zu provozieren noch davor zurĂŒckzuschrecken.



 
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