«Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.» Joh. 6,68






























 

Fest des Hl. Benedikt von Nursia, Schutzpatron Europas
Kommentar zum heutigen Evangelium
Benedikt XVI., Papst von 2005-2013
Generalaudienz vom 9. April 2008 (© Libreria Editrice Vaticana, überarb.)

Der heiliger Benedikt, ein Vorbild für heute

[Gemäß der Regel des hl. Benedikt] muss ein Abt, um verantwortlich entscheiden zu können, ein Mann sein, der „auf den Rat der Brüder hört“ (3,2), „weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist“ (3,3). Diese Anordnung macht eine vor fast fünfzehn Jahrhunderten geschriebene „Regel“ überraschend modern! Ein Mensch mit öffentlicher Verantwortung, auch in kleinen Bereichen, muss immer auch ein Mensch sein, der hinzuhören weiß und aus dem, was er hört, zu lernen vermag. […]

Diese Regel bietet nützliche Anweisungen nicht nur für die Mönche, sondern auch für all jene, die auf ihrem Weg zu Gott eine Anleitung suchen. Durch ihr Maß, ihre Menschlichkeit und ihre nüchterne Unterscheidung zwischen dem Wesentlichen und dem Zweitrangigen im geistlichen Leben konnte sie ihre erhellende Kraft bis heute aufrechterhalten. Als Paul VI. […] den hl. Benedikt zum Patron Europas erklärte, wollte er damit das wunderbare Werk anerkennen, das von dem Heiligen durch die „Regel“ für die Formung der Zivilisation und der europäischen Kultur vollbracht worden ist.

Heute ist Europa – das gerade aus einem Jahrhundert gekommen ist, das von zwei Weltkriegen tief verletzt worden ist, und nach dem Zusammenbruch der großen Ideologien, die sich als tragische Utopien erwiesen haben – auf der Suche nach seiner Identität. Um eine neue und dauerhafte Einheit zu schaffen, sind die politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Instrumente sicher wichtig, aber es ist auch notwendig, eine ethische und geistliche Erneuerung zu erwecken, die aus den christlichen Wurzeln des Kontinents schöpft; andernfalls kann man Europa nicht wiederaufbauen. Ohne diesen Lebenssaft bleibt der Mensch der Gefahr ausgesetzt, der alten Versuchung zu erliegen, sich selbst erlösen zu wollen – eine Utopie, die auf verschiedene Weise im Europa des 20. Jahrhunderts, wie Papst Johannes Paul II. festgestellt hat, „einen Rückschritt ohnegleichen in der gequälten Geschichte der Menschheit“ verursacht hat (Insegnamenti, XIII/1, 1990, S. 58). Hören wir auf der Suche nach dem wahren Fortschritt auch heute die „Regel“ des hl. Benedikt als ein Licht für unseren Weg. Der große Mönch bleibt ein wahrer Lehrmeister, in dessen Schule wir die Kunst lernen können, den wahren Humanismus zu leben.





 
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